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gulli:lexikon - Alle Begriffe der Untergrund-SzeneTipp: Benutze die Suche, um weitere Begriffe im gulli:lexikon nachzuschlagen. Bild:Adornohorkhab1.png Max Horkheimer (vorne links), Theodor Adorno (vorne rechts) und Jürgen Habermas (im Hintergrund rechts) im Jahr 1965 in Heidelberg Als Kritische Theorie wird die von der Frankfurter Schule entwickelte und vertretene Sozialphilosophie bezeichnet. Ziel war eine an den Marxismus angelehnte Überwindung des Kapitalismus.
Zum BegriffDer Terminus „Kritische Theorie“ geht auf Max Horkheimers Schrift „Traditionelle und kritische Theorie“ von 1937 zurück, in der er sich mit dem Ideal und dem Betrieb der nachkopernikanischen Wissenschaft beschäftigt. Die kritische Theorie begreift sich als eine praktische Philosophie, der es auf die gesellschaftliche Veränderung mit dem Ziel zunehmender Selbstbestimmung des Menschen ankommt. So will sie sich von der theoretischen Philosophie inhaltlich abgrenzen. Der von Horkheimer so genannten traditionellen Theorie, der bürgerlichen Wissenschaft, wirft sie vor, nach der als gescheitert betrachteten Aufklärung vor allem Fakten zu sammeln und in instrumenteller Verwendung der Vernunft die Zukunft der Humanität aus den Augen zu verlieren. Die traditionelle Theorie befasse sich bloß mit dem Gegebenen, das sie auf messbare Größen reduziere. Sie mache sich damit der Verfestigung der bestehenden Zustände dienstbar. Ihr mangele die Reflexion auf die Verflechtung von Wissenschaft und Herrschaftsverhältnissen. Ihren theoretischen Anspruch der Werturteilsfreiheit könne die traditionelle Theorie faktisch nicht einlösen. Die Kritische Theorie versucht demgegenüber einen Vernunftbegriff zu erarbeiten, der nicht losgelöst von seinen Zwecken existiert, also nicht in der Zweck-Mittel-Rationalität aufgeht. Die Kritische Theorie indes zielt nach Vorstellung ihrer Begründer darauf ab, die vorgefundene gesellschaftliche Totalität und ihre Rahmenbedingungen zu überprüfen, aufgrund deren die Wissenschaft mitsamt ihren Trägern zumeist als Replikatoren (salopp ausgedrückt: unkritische „Nachplapperer“) der gesellschaftlichen Ordnung gar nicht (oder zumindest noch nicht), d. h. weder im theoretischen Ansatz, noch in ihrer Durchführung, der Aufbereitung oder dem Verständnis des gewonnenen Datenmaterials, objektiv sein könne. Daher richtet die Kritische Theorie ein stärkeres Augenmerk auf die Spannung zwischen dem Bestehenden und dem Möglichen und möchte dadurch die Voraussetzungen für eine Gestaltung und Veränderung der Wirklichkeit schaffen. EinordnungAusgangspunkt der Kritischen Theorie war das Werk von Karl Marx, dessen Rezeption (durch Engels' Ordnungs- und Herausgebertätigkeit nach Marx' Tod, vor allem aber durch die Arbeiterbewegung und deren verschiedene politische Parteien oder Bewegungen) von den meisten Vertretern der Kritischen Theorie als verzerrt oder verkürzt angesehen wurde, weshalb es einer Neuinterpretation unterzogen wurde (siehe auch Neomarxismus). Die Vertreter der Kritischen Theorie sehen in Marx' Theorie vor allem eine Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und kein wirtschaftswissenschaftliches Lehrgebäude, keine Geschichtsphilosophie oder Weltanschauung. Hier knüpfen sie an andere Ansätze des westlichen Marxismus an. Das zweite wichtige Fundament der Kritischen Theorie bestand in Kategorien aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds, mittels derer die soziopsychologischen Auswirkungen (im Sinne Freuds) sozioökonomischer Bedingungen (im Sinne Marx') erklärt werden, um so eine Verbindung aus Freudscher Psychoanalyse und marxistischer Gesellschaftskritik zu ermöglichen. Da die Kritische Theorie die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse als Hindernisse einer objektiven Wissenschaft, Forschung und Lehre überprüft, dient die psychoanalytische Sichtweise der Erklärung von verschiedensten soziopsychologischen Verzerrungs- und/oder Vorurteilsmechanismen (Adorno spricht zumeist wörtlich von Verblendungszusammenhängen, die bei Marx lediglich als ideologischer Überbau vage benannt werden), die laut der Kritischen Theorie im Sinne der herrschenden Verhältnisse erfolgen. An diesen irrationalen Verzerrungs- und Vorurteilsmechanismen sei, so die Kritische Theorie, auch die Aufklärung gescheitert, da für das Funktionieren der objektiv-wertfreien Aufklärung das Bestehen einer Möglichkeit zur objektiven Wissenschaft, sprich eine von sozioökonomischen Zwängen wirklich freie, ihre aus diesen Zwängen resultierende „subjektive“ Irrationalität (die obigen Verblendungszusammenhänge, also psychoanalytisch ergründbare, soziopsychologische Verzerrungen und Vorurteile) mittels analytisch-kritischer Methodik und Einsicht überwindende Gesellschaft, vorausgesetzt werden muss. Die Kritische Theorie arbeitet also darauf hin, aus dem Scheitern der Aufklärung methodische und analytische Lehren zu ziehen, mittels derer die Grundbedingungen für eine objektive(re), wirklich aufklärerische Wissenschaft in Form der dialektischen wie psychologisch-soziologischen Analyse dessen erreicht werden können, was Marx einst als ideologischen Überbau bezeichnete, wobei stets das Marxsche Postulat bestehen bleibt, dass die Ideologie aus den sozioökonomischen Bedingungen entsteht; die Kritische Theorie betont dabei besonders die dialektische Wechselwirkung zwischen Sein und Bewusstsein. Aufgrund des Verblendungszusammenhangs ist das Proletariat nicht mehr das revolutionäre Subjekt, sondern der vereinzelte Theoretiker, der seine Aufgabe in gezielter kritischer Analyse gesellschaftlicher Bedingungen sieht, um die Hoffnung auf eine Revolution aufrecht zu erhalten, wo sie praktisch unmöglich wurde. Diese Abkehr von der nicht allgemeine Freiheit anstrebenden, sondern durch eigene Interessen gelenkten Arbeiterbewegung, vom aufgrund der Gesellschaftsverhältnisse als illusorisch begriffenen revolutionären Subjekt an sich wie von einer gewaltsamen Revolution im allgemeinen, zusammen mit einer Hinwendung zu einer wissenschaftlichen Gesellschaftskritik unter besonderer Beachtung der Spannung zwischen allgemein als universalistisch-totalitär aufgefassten gesellschaftlichen Normen und dem individuellen Subjekt in Form von gesellschaftlich isolierten und unterdrückten Randgruppen als eigentlichem Proletariat konnten viele klassische Marxisten nicht nachvollziehen; der marxistische Literaturwissenschaftler Georg Lukács prägte etwa 1933 plakativ, als sich diese Richtung im Rahmen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung bereits abzuzeichnen begann, das polemische Schlagwort vom Grand Hotel Abgrund, auf dessen Balkon es sich die Frankfurter Schule in faul-bürgerlicher Manier gemütlich gemacht habe, um von Zeit zu Zeit das tragische bis skandalöse Weltgeschehen im vor ihr sich ausbreitenden Abgrund akademisch zu kommentieren, ohne sich je zur Lösung mittels der gewaltsamen Revolution zu bequemen. Zumindest theoretisch hatte Lukács dennoch großen Einfluss auf die Kritische Theorie. Aufgrund der engen Verbindung von Psychoanalyse und Marxscher Gesellschaftskritik wird die Kritische Theorie im angloamerikanischen Sprachraum oft auch als Freudomarxismus bezeichnet bzw. diesem als Unterkategorie zugerechnet. Methodologische sowie analytische Grundlage ist die Verwendung einer an Hegel orientierten Dialektik. Da die konkreten Erscheinungsformen gesellschaftlicher Irrationalität stärker als beim klassischen Marxschen Lehrgebäude im Vordergrund stehen, hat die Kritische Theorie auch als eines der wichtigsten ihrer Teilgebiete den Wissenschaftszweig der soziopsychologischen wie sozioökonomischen Vorurteilsforschung hervorgebracht. Scharf grenzten sich die Vertreter der Frankfurter Schule gegen den „Positivismus“ ab, wobei darunter alle die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und Ideologien unkritisch übernehmenden und damit reproduzierenden theoretischen Ansätze zu verstehen sind. Unter diesem weit gefassten Begriff wurden im einzelnen etwa „anti-metaphysische“ Strömungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts (neben Positivismus, Neopositivismus und Analytischer Philosophie auch der Kritische Rationalismus) zusammengefasst. Die Auseinandersetzung wurde ab 1961 öffentlich im so genannten Positivismusstreit ausgetragen, verlor allerdings für die „Jüngere Kritische Theorie“ (vgl. Abschnitt Geschichte) an Bedeutung, bei der eine Hinwendung zur analytischen Sprachphilosophie zu beobachten ist. GeschichteDie Entwicklung der Kritischen Theorie beginnt nach Übernahme der Leitung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main durch Max Horkheimer im Jahr 1931. Als Hauptwerk der Kritischen Theorie gilt die von Horkheimer und Theodor W. Adorno von 1944 bis 1947 gemeinsam verfasste Essay-Sammlung Dialektik der Aufklärung. Im amerikanischen Exil arbeiteten Horkheimer und Adorno an einer Studie zum autoritären Charakter mit und legten damit eine wichtige Arbeit zur Erklärung totalitärer Regime vor. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Arbeiten des Kreises um Horkheimer und Adorno als Frankfurter Schule bezeichnet. Durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus erlebte die Kritische Theorie einen neuen Aufschwung. Viele von Adornos Studenten wollten rationale Erklärungen für die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945, die Kritische Theorie konnte diese Erklärungen liefern ohne zu entschuldigen. Ihre Blütezeit erlebte die Kritische Theorie in den weltweiten 68er-Bewegungen. Die Kritische Theorie von Horkheimer, Adorno und einigen anderen wird gelegentlich auch als „Ältere Kritische Theorie“ bezeichnet, im Gegensatz zu der „Jüngeren Kritischen Theorie“, deren Hauptvertreter Jürgen Habermas ist. Das Erbe der Kritischen Theorie anzutreten, hat sich Axel Honneth zur Aufgabe gemacht. Ob dieser Anspruch erfüllt wird, ist massiv umstritten. HauptaussagenDie drei Hauptbeobachtungsfelder der Kritischen Theorie sind die Ökonomie, die Entwicklung des Individuums, sowie die Kultur. In einer Kombination marxistischer und psychoanalytischer Perspektiven wird insbesondere die „Gesellschaft“ kritisch betrachtet. Sie wird nicht nur als eine Gesamtheit von Menschen in einer bestimmten Zeit aufgefasst, sondern vielmehr als „Verhältnisse“, die dem Einzelnen übermächtig gegenüberstehen und Charakter und Handlungsmöglichkeiten der Menschen in weitaus stärkerem Maße formen, als diese zur Bildung der Gesellschaft beitragen können. Eine besondere Mittlerrolle komme dabei der familiären Sozialisation (Familie als „psychosoziale Agentur“) wie auch den Massenmedien und der Massenkultur zu. Im Gegenzug trete in der kapitalistischen Gesellschaft durch zunehmende Technisierung, wissenschaftlichen Fortschritt und auch daraus resultierender Bürokratie eine Entfremdung ein und die Bedeutung des Individuums gehe verloren. Die aufklärerische Vernunft habe das Erlangen von wahren Erkenntnissen über die Welt zwar als das Wesen des Menschen angesehen, so habe sich die Vernunft aber zu einer instrumentellen und zweckbestimmten gewandelt. Die instrumentelle Vernunft betrachtete die Welt und auch die Menschen einzig unter dem Aspekt des Nutzens. Die Beziehungen zwischen den Individuen würden unter Auflösung tradierter Bindungen weitgehend versachlicht und objektiviert und reduzierten sich zunehmend auf bloße Tauschverhältnisse. Am Ende entsteht demnach eine „total verwaltete Welt“, die gegenüber dem Einzelnen umfassende soziale Kontrolle ausübt und Idealismus, Nonkonformismus, Unkonventionalität oder Kreativität als ihrem Charakter entgegenlaufend konsequent unterdrückt. Die Kritische Theorie will der Philosophie eine praktische und zentrale Bedeutung für die Gesellschaft einräumen und verspricht sich dadurch bessere Verhältnisse in einer zukünftigen Gesellschaft. Vertreter (alphabetisch)
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