gulli:lexikon - Alle Begriffe der Untergrund-Szene

Tipp: Benutze die Suche, um weitere Begriffe im gulli:lexikon nachzuschlagen.

Reizwort (engl. stimulus word, frz. mot de stimulation, mot-stimulus) ist eine Bezeichnung fĂŒr Wörter oder Phrasen, die beim Rezipienten bestimmte emotionale Reaktionen, Assoziationen oder sonstige reflexartige mentale Prozesse stimulieren.

Inhaltsverzeichnis

Wortgeschichte

Das Wort Reizwort, Ă€ltere Form Reitzwort, ist seit dem 16. Jahrhundert im Deutschen belegt und war in seiner Bedeutung zunĂ€chst weitgehend beschrĂ€nkt auf negativ provozierende „SchmĂ€h-, Schelt-, LĂ€ster- oder Reizwörter“<ref>Modernisiert wiedergegeben nach einem Vertrag aus Höxter von 1533: „schme, schelt, laster und reitzwort“, zitiert von Klemens Löffler (Hrsg.), Hermann Hamelmanns Geschichtliche Werke. Kritische Neuausgabe, Band II, Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, MĂŒnster 1913, S. 355, Anm. 4</ref>, die zu Widerspruch und Streit „reizen“<ref>Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 14, Leipzig 1893, Sp. 800, Art. „Reizwort“</ref>, die Bedeutung hat sich jedoch seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert unter dem Einfluß der psychologischen Fachsprache erweitert, die den Reizwortbegriff unabhĂ€ngig vom positiven oder negativen Charakter der Reaktion verwendet, so dass der Duden das Wort Reizwort heute mit der allgemeinen Bedeutung „Emotionen auslösendes Wort“ erklĂ€rt<ref>Duden Rechtschreibung der deutschen Sprache, 21. Aufl., Dudenverlag, Mannheim [u.a.] 1996, S. 615, Art. „Reiz“</ref>

Literaturwissenschaft und Sprachsoziologie

Reizwortcharakter ist nicht primĂ€r eine sprachliche Eigenschaft, sondern bedingt durch die Verwendungssituation, die individuelle Disposition und kulturelle PrĂ€gung des Rezipienten sowie Gegebenheiten sprachlicher und stilistischer Konvention. Der Reizwortcharakter kann aber unter RĂŒcksicht auf solche kontextuelle Faktoren unter UmstĂ€nden an sprachlichen und stilistischen Eigenschaften festgemacht werden. In diesem Sinn wird zuweilen in der Literaturwissenschaft untersucht, inwieweit die Wortwahl eines Texts etwa durch klangliche Eigenschaften, wertende Konnotationen oder intertextuelle BezĂŒge besonders darauf angelegt ist, emotionale oder assoziative Reaktionen des Lesers hervorzurufen und dadurch dessen Rezeption des Textes zu steuern. Unter Ausblendung kontextueller Faktoren definiert dagegen das Handbuch literarischer Fachbegriffe von Otto F. Best das Reizwort als ein „klanglich und assoziativ besonders aufgeladenes Wort, das Assoziationen aktiviert“ und „vor allem in Lyrik“ eine Rolle spiele<ref>Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe: Definitionen und Beispiele, ĂŒberarb. Ausg., Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt a.M. 1973, S. 225</ref>. In sprachsoziologischen ZusammenhĂ€ngen wird das Reizwort zuweilen auch dem Schlagwort untergeordnet und gemĂ€ĂŸ der Ă€lteren, engeren Bedeutung als semantisch negativ besetzes Schlagwort vom Leitwort als einem semantisch positiv besetzten Schlagwort abgegrenzt<ref>Walter Dieckmann: Sprache in der Politik: EinfĂŒhrung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache, 2. Aufl., C. Winter, Heidelberg 1975 (= Sprachwissenschaftliche StudienbĂŒcher, 2), S. 102</ref>.

Assoziationsforschung und Neurowissenschaften

WĂ€hrend AnsĂ€tze dieser Art Reizwörter in vorgegebenen Texten und Textcorpora untersuchen, setzen die experimentelle Psycholinguistik und die psychologische Assoziationsforschung Wörter als Reizwörter ein, um beim Probanden oder Analysanden „Reaktionswörter“ auszulösen und aus diesen Reaktionswörtern und den gemessenen Reaktionszeiten RĂŒckschlĂŒsse auf mentale Prozesse oder auch individuelle Störungen zu ziehen. Das Reizwortverfahren als experimentelle Methode wurde von Francis Galton, Wilhelm Wundt und anderen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eingefĂŒhrt<ref>Vgl. Gustav Aschaffenburg: Experimentelle Studien ĂŒber Associationen, I. Theil: Die Associationen im normalen Zustande, Wilhelm Englemann, Leizpig 1895</ref> und bald auch von Freud und C. G. Jung adaptiert. Freud faßte das Verfahren 1916/17 folgendermassen zusammen:<ref>Zitiert nach Christfried Tögel: Freud und Wundt: Von der Hypothese bis zur Völkerpsychologie, in: Bernd Nitzsche (Hrsg.), Freud und die akademische Psychologie: BeitrĂ€ge zu einer Kontroverse, Psychologie-Verlags-Union, 1989, S. 97-106, S. 101 (Online-Version)</ref>

"Die Wundtsche Schule hatte das sogenannte Assoziationsexperiment angegeben, bei welchem der Versuchsperson der Auftrag erteilt wird, auf ein ihr zugerufenes Reizwort möglichst rasch mit einer beliebigen Reaktion zu antworten. Man kann dann das Intervall studieren, das zwischen Reiz und Reaktion verlĂ€uft, die Natur der als Reaktion gegebenen Antwort, den etwaigen Irrtum bei einer spĂ€teren Wiederholung desselben Versuches und Ă€hnliches. Die ZĂŒricher Schule unter FĂŒhrung von Bleuler und Jung hat die ErklĂ€rung der beim Assoziationsexperiment erfolgenden Reaktionen gegeben, indem sie die Versuchsperson aufforderte, die von ihr erhaltenen Reaktionen durch nachtrĂ€gliche Assoziationen zu erlĂ€utern, wenn sie etwas AuffĂ€lliges an sich trugen. Es stellte sich dann heraus, daß diese auffĂ€lligen Reaktionen in der schĂ€rfsten Weise durch die Komplexe der Versuchspersonen determiniert waren. Bleuler und Jung hatten damit die erste BrĂŒcke von der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse geschlagen.“

Experimentelle Verfahren nach der Reizwort-Methode gehören heute ebenso zum methodischen Instrumentarium neurowissenschaftlicher Forschung und wurden dort beispielsweise zur Erforschung der Dysphasie<ref>Maria Wyke: An experimental study of verbal association in dysphasic subjects, in: Brain 85 (1962), S. 679-686</ref> und Dyslexie<ref> Todd E. Feinberg, Diana Dyckes-Berke, Christian R. Miner, David M. Roane: Knowledge, implicit metaknowledge in visual agnosia and pure alexia, in: Brain 118 (1995), S. 789-800</ref>, aber auch in klinischer Forschung zur Untersuchung der Wirkung von AnÀsthetika<ref> J. Andrade, L. Englert, C. Harper, N. D. Edwards: Comparing the effects of stimulation and propofol infusion rate on implicit and explicit memory formation, in: British Journal of Anaethesia 86 (2001), S. 189-195</ref> eingesetzt.

KreativitÀtsförderung

Reizwortmethoden modifizierter Art, als Verfahren der KreativitĂ€tsförderung, finden sich jĂŒngerer Zeit auch in der Sprach- und Schreibdidaktik, indem vorgegebene Reizwörter, die willkĂŒrlich oder im Hinblick auf einen bestimmtes Thema ausgewĂ€hlt sein können, als assoziative AnknĂŒpfungspunkte die Erstellung eines Textes („Reizwortgeschichte“) erleichtern sollen. Ähnlich wurden im Bereich des Innovationsmanagements als Sonderform des Brainstormings Reizwortverfahren entwickelt, bei denen nach dem Zufallsprinzip ausgewĂ€hlte Reizwörter es bei der Findung von Ideen zu einem gegebenen Thema oder Problem ermöglichen sollen, auf assoziative Weise zu neuen AnsĂ€tzen zu gelangen<ref>Marion Schröder: Heureka, ich hab's gefunden! KreativitĂ€tstechniken, Problemlösung & Ideenfindung, W3L-Verlag, Herdecke / Bochum 2005, Kap. 6.4 „Reizwort-Methoden“, S. 187ff.</ref>.

Angewandte Psychologie

Mit der Suche nach praktischen Regeln, wie durch Vermeidung negativ besetzter und Verwendung positiv besetzter Reizwörter das Verhalten des Rezipienten gesteuert werden kann, befaßt sich die Werbe- und Verkaufspsychologie.

Anmerkungen

<references />

Weblinks

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Reizwort aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

© Copyright 1998-2008 gulli.com  | home | sitemap | kontakt | impressum | partner | downloads |